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Interview mit Prof. Dr. Thomas Bitter – Studienleiter im CAPNETZ Projekt.

Die stille Macht der Nacht.

Das das CAPNETZ Projekt über den Einfluss von Schlafapnoe auf Lungenentzündungen zeigt und warum eine frühzeitige Diagnose entscheidend ist.

Interview mit Prof. Dr. Thomas Bitter

1. Was ist das CAPNETZ Projekt und warum ist die ambulant erworbene Lungenentzündung ein so wichtiges Forschungsthema?

Die ambulant erworbene Pneumonie (community-acquired pneumonia, CAP) ist auch heute noch eine eine der häufigsten Infektionserkrankungen mit erheblicher Morbidität, Mortalität und Gesundheitskosten. Um die Epidemiologie, Risikofaktoren, Erregerverteilung, Therapie und Langzeitverlauf von CAP besser zu verstehen und damit die Versorgung von CAP-Patienten zu verbessern, wurde vor mittlerweile über 20 Jahren das CAPNETZ Projekt gegründet. Es ist ein aus Deutschland stammendes Register1, das Patient*innen mit ambulant erworbener Pneumonie prospektiv erfasst, klinische Daten, Befunde, Behandlung und Outcomes dokumentiert und Proben für weitergehende Analysen (Biobank) sammelt. 1Das CAPNETZ Register ist eine digitale Plattform und für alle teilnehmenden Kliniken zugänglich. Es gibt auch „reale“ Mitarbeitende, die in Hannover sitzen, und natürlich die über Deutschland verteilten Prüfärzt*innen. Mehr unter capnetz.de   

2. Sie haben herausgefunden, dass Schlafapnoe ein Risikofaktor für einen schweren Verlauf der Lungenentzündung sein könnte. Wie kam es zu dieser Erkenntnis? 

Die Erkenntnis, dass eine Schlafapnoe (schlafbezogene Atmungsstörung, SBAS) mit einem schwereren Verlauf der CAP assoziiert sein könnte, basiert auf einer Analyse, die wir an der eben genannten prospektiven CAPNETZ Kohorte durchführen durften. In unsere Untersuchung wurden 4.686 Patientinnen und Patienten mit CAP eingeschlossen, für die Informationen über eine vordiagnostizierte SBAS und eine eventuelle CPAP-Therapie vorlagen. Insgesamt war übrigens nur bei 2,6 % der Teilnehmenden eine SBAS bekannt/diagnostiziert und nur 1,6 % erhielten eine CPAP-Behandlung! Unsere Analyse zeigte dann, dass Patientinnen und Patienten mit Schlafapnoe signifikant häufiger intensivpflichtig wurden und häufiger eine invasive Beatmung benötigten als Vergleichspatienten ohne Schlafapnoe. Selbst adjustiert für alle klassischen Risikofaktoren für einen schweren Verlauf einer CAP (z. B. Alter, Geschlecht, Komorbiditäten wie Diabetes, initiale Schwere der Pneumonie sowie Vitalparameter), blieb die Schlafapnoe ein unabhängiger Prädiktor für einen schweren CAP-Verlauf. Erfreulicherweise war hiervon nicht die 28-Tage-Sterblichkeit beeinflusst, was ggf. für eine erhöhte Aufmerksamkeit aller Beteiligten in der Behandlung von Patienten mit SBAS mit CAP sprechen könnte. Patienten mit SBAS unter laufender CPAP-Therapie hingegen zeigten interessanterweise kein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf der CAP. 

3. Was passiert bei Schlafapnoe im Körper – und warum könnte das den Verlauf einer Pneumonie verschlechtern? 

Seit vielen Jahren ist bekannt, dass Patientinnen und Patienten mit SBAS ein deutlich erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und eine erhöhte Mortalität aufweisen. Inzwischen beginnen wir, die zugrunde liegenden pathophysiologischen Mechanismen besser zu verstehen: Schlafbezogene Atmungsstörungen führen zu wiederholten Episoden nächtlicher Hypoxämien, Arousals und ausgeprägten intrathorakalen Druckschwankungen. Diese Ereignisse aktivieren eine Reihe sekundärer Prozesse, darunter einen gesteigerten Sympathikotonus sowie eine Fragmentierung des Schlafes, die vielfältige neurohumorale Regelkreise beeinflussen. Diese pathophysiologischen Veränderungen betreffen jedoch nicht nur das Herz-Kreislauf-System. Zunehmende Evidenz deutet darauf hin, dass sie auch das Immunsystem und damit die Infektabwehr beeinflussen. Studien zeigen, dass Patientinnen und Patienten mit OSA eine verstärkte systemische und lokale Entzündungsaktivität mit erhöhter Zytokinausschüttung, vermehrtem oxidativem und endothelialem Stress sowie eine eingeschränkte mukoziliäre Clearance aufweisen. Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, dass SBAS auch das Risiko und den Verlauf einer Pneumonie ungünstig beeinflussen kann. Wiederholte nächtliche Hypoxie-Episoden führen zu einer chronischen Entzündungsaktivierung, die die antivirale und antibakterielle Abwehr schwächen kann. Zudem ist die nächtliche Oxygenierung bei diesen Patientinnen und Patienten bereits eingeschränkt, sodass im Rahmen einer akuten pulmonalen Infektion eine geringere respiratorische Reserve zur Verfügung steht. Hinzu kommt ein erhöhtes Risiko für Mikroaspirationen – insbesondere bei Adipositas oder gastroösophagealem Reflux –, was die Entstehung und das Fortschreiten schwerer Atemwegsinfektionen zusätzlich begünstigt. 

4. Wie häufig ist Schlafapnoe in der Bevölkerung und wird sie Ihrer Einschätzung nach ausreichend erkannt und behandelt?

Schlafapnoe ist in der Allgemeinbevölkerung weit verbreitet – die meisten Kohortenstudien gehen davon aus, dass etwa 10 bis 20 Prozent der Erwachsenen in unterschiedlichem Ausmaß davon betroffen sind, Männer häufiger als Frauen. Besonders im höheren Lebensalter und bei Übergewicht steigt die Häufigkeit deutlich an. Trotz dieser hohen Prävalenz bleibt die Erkrankung häufig unerkannt. Viele Betroffene wissen gar nicht, dass sie im Schlaf wiederholt Atemaussetzer haben, da typische Symptome wie lautes Schnarchen oder Tagesmüdigkeit oft nicht ernst genommen oder anderen Ursachen zugeschrieben werden.

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Viele Betroffene wissen gar nicht, dass sie im Schlaf wiederholt Atemaussetzer haben, da typische Symptome wie lautes Schnarchen oder Tagesmüdigkeit oft nicht ernst genommen oder anderen Ursachen zugeschrieben werden.

Prof. Dr. Thomas Bitter
Chefarzt der Klinik für Pneumologie und Beatmungsmedizin (Medizinische Klinik VII), Städtisches Klinikum Braunschweig gGmbH

5. Was bedeuten Ihre Forschungsergebnisse konkret für Hausärzte, Pflegekräfte und Patienten? Gibt es einfache Maßnahmen, die helfen könnten? 

Unabhängig von unseren Daten sollten Hausärztinnen und Hausärzte bei Patientinnen und Patienten mit Risikofaktoren – etwa Adipositas, lautem Schnarchen, beobachteten Atemaussetzern oder starker Tagesmüdigkeit – natürlich immer an eine Schlafapnoe denken, da sie sowohl die Lebensqualität als auch die Prognose zu beeinflussen scheint. Ein einfaches ambulantes Screening und sei es mit irgendwelchen hierfür zugelassenen Wearables kann helfen, einen Einstieg in die diagnostische Abklärung zu bekommen. Bezogen auf unsere Daten sollten die Kolleginnen und Kollegen nun aber auch Patientinnen und Patienten mit wiederkehrenden Atemwegsinfekten oder schwereren Verläufen und den genannten Risikofaktoren verschärft eine SBAS als mögliche Komorbidität mit im Blick haben. Auch die Pflegekräfte können einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie bei unseren Pneumonie-Patienten auf typische Anzeichen wie nächtliche Unruhe, Atempausen oder extreme Müdigkeit am Tag aufmerksam machen und diese Beobachtungen weitergeben. Die zum Glück nicht vorhandene kurzfristige Übersterblichkeit dieses Patientenkollektives in unserer Studie lässt mich aber vermuten, dass hier schon gut geschulte Blicke der Pflege und hervorragende interdisziplinäre Zusammenarbeit im Alltag angetroffen werden kann. Für die Betroffenen selbst kann schon ein besseres Verständnis der Erkrankung entscheidend sein: Gewichtskontrolle und die konsequente Nutzung einer verordneten CPAP-Therapie sind einfache, aber wirkungsvolle Maßnahmen. Wenn Schlafapnoe rechtzeitig erkannt und behandelt wird, lassen sich nicht nur die Schlafqualität und das allgemeine Wohlbefinden verbessern, sondern möglicherweise auch schwere Verläufe von Infektionen wie einer Lungenentzündung verhindern. 

6. Welche Rolle spielt die interdisziplinäre Zusammenarbeit – etwa zwischen Pneumologen, Schlafmedizinern und Hausärzten – bei der Umsetzung solcher Erkenntnisse? 

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit spielt eine zentrale Rolle bei der Umsetzung unserer Erkenntnisse in die klinische Praxis, ist im Alltag jedoch häufig herausfordernd. Idealerweise erkennen Hausärztinnen und Hausärzte Risikopatientinnen und -patienten frühzeitig und übernehmen die Triage; Pneumolog*innen und Schlafmediziner*innen diagnostizieren und therapieren daraufhin zügig die OSA. Die Realität sieht leider häufig anders aus: Strukturelle und bürokratische Überbeanspruchungen der Hausärzte machen das Screening auf Schlafapnoe schwierig umsetzbar, zudem sind die Schlaflaborkapazitäten in Deutschland deutlich zu gering. Letztlich führt es genau zu dem, was wir auch in der Studie beobachtet haben: Trotz einer zu erwartenden deutlich höheren Prävalenz sehen wir nur 2,6 % der Patienten mit vordiagnostizierter Schlafapnoe. Eine verbesserte Abstimmung kann sicher durch konkrete Maßnahmen wie gemeinsame Leitlinien oder standardisierte Algorithmen unterstützt werden, wird aber in der Realität nur durch eine Änderung der Versorgungsstrukturen und größeren Fokus auf schlafmedizinische Themen Erfolg haben. 

7. Wie geht es mit dem CAPNETZ Projekt weiter? Gibt es bereits neue Fragestellungen, die Sie verfolgen? 

Hier gibt es in der Tat schon viele Ideen: Toll wäre es, im Rahmen des CAPNETZ Programmes Patienten einmal systematisch auf Schlafapnoe zu untersuchen, um auch die Bedeutung einzelner funktioneller Parameter wie Apnoe-Hypopnoe-Index, Hypoxic Burden, Herzfrequenzvariabilität, Schlaffragmentierung etc. wissenschaftlich zu evaluieren. Dies ist mittlerweile ja sogar über einfache Wearables wie Uhren und Ringe, die teilweise sogar schon zur Schlafapnoe-Diagnostik zugelassen sind, möglich. Ein großer Traum wäre natürlich eine große Interventionsstudie: Ist durch die postakute Therapie der Schlafapnoe nach Krankenhausentlassung eine erneute Pneumonie zu verhindern? Macht es Sinn, Patienten im Krankenhaus frühzeitig auf Atemaussetzer zu screenen und ggf. inhospital schon mit CPAP oder High-Flow zu behandeln, um einen schweren Verlauf zu vermeiden? Vielleicht hat Löwenstein hier ja noch ein paar Finanzmittel zur Finanzierung einer solchen Studie übrig … ;-) 

8. Was wünschen Sie sich von der Öffentlichkeit und dem Gesundheitssystem, um solche Forschungsergebnisse besser in die Praxis zu bringen? 

Wir verbringen etwa 1/3 unseres Lebens schlafend. Vor dem Hintergrund hat die Schlafmedizin aus meiner Sicht mehr Beachtung in den verschiedenen medizinischen Fachgesellschaften verdient und benötigt auch in der Politik eine deutlich bessere Lobby. Schlafmedizinische Diagnostik und Therapie ist mittlerweile eine Domäne der ambulanten Medizin. Dies ist sicherlich berechtigt, jedoch müssen wir aufpassen, hierdurch nicht noch mehr Versorgungskapazitäten zu verlieren, und entsprechende Qualitätsstandards und die Ausbildung des Nachwuchses erhalten. Viel wird über die hausärztliche Unterversorgung im ländlichen Raum gesprochen. Wenn wir es schaffen, zusätzlich auch ein bisschen Aufmerksamkeit für die Bedeutung der Schlafmedizin bei gleichzeitig fehlenden Versorgungskapazitäten zu erhalten, wären wir sicher schon ein großes Stück weiter. 

Herr Prof. Bitter, vielen herzlichen Dank für das Interview. 

Hier finden Sie den Abstract vom ERS-Kongress.

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