„Schlaf, Kindlein, schlaf“ – Einblick in die Kinderschlafmedizin mit Dr. Alfred Wiater
Warum Schlafstörungen bereits im Kindesalter ernst genommen werden sollten.

In den ersten Lebensjahren werden im Schlaf die meisten neuronalen Netzwerke (Abb. 1) geknüpft. Verbunden damit sind erhebliche Lernfähigkeiten in allen Bereichen, auch emotional. Ist der Schlaf in dieser sensiblen Entwicklungsphase gestört, fehlen basale Voraussetzungen, auf denen sich die gesamte weitere Entwicklung aufbaut. Aber das ist noch nicht alles. Werden Schlafstörungen in der Kindheit nicht rechtzeitig diagnostiziert und behandelt, werden sie chronisch und können auch im Erwachsenenalter noch erhebliche Folgen haben. Schließlich haben etliche Schlafstörungen bei Erwachsenen ihren Ursprung in Kindheit und Jugend. Wenn sie in dieser Zeit behandelt werden, können den Betroffenen viele Probleme erspart werden.
Komplexe Problematik der Schlafstörungen
Wie bei Erwachsenen auch, stehen Schlafstörungen im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Tagesverhalten, nur dass bei Kindern nicht-erholsamer Schlaf tagsüber häufiger zu Unruhe und überaktivem Verhalten führt, wohingegen bei Erwachsenen Tagesmüdigkeit und Tagesschläfrigkeit im Vordergrund stehen. Die Schlafqualität ist also nicht hinreichend zu beurteilen, ohne zu wissen, wie es den Betroffenen tagsüber geht. Das ist aber nur ein Aspekt der komplexen Problematik der Schlafstörungen.
Ein weiterer Punkt ist, dass sich unterschiedliche Schlafstörungen gegenseitig beeinflussen können, also in einer bidirektionalen Beziehung zueinander stehen. So wurde in der Inspiration (Ausgabe Sommer 2025) von Herrn Dr. Weeß über „COMISA. Die belastende Doppeldiagnose.“ berichtet, bei der OSA und Insomnie gleichzeitig vorkommen und sich gegenseitig beeinflussen. Ein Phänomen, das sich auch auf Schlafstörungen und andere Störungen beziehen kann und ebenfalls in der Kinderschlafmedizin vorkommt.
Dr. Alfred Wiater, Kinder- und Jugendarzt/Schlafmedizin, Onlinepraxis für Kinderschlafmedizin, www.kinderschlaf.net

Wie Restless-Legs-Syndrom (RLS) und ADHS zusammenhängen.
Eine retrospektive Studie an Kindern mit Restless-Legs-Syndrom (RLS) ergab, dass 64 % eine oder mehrere gleichzeitig bestehende, psychische Störungen aufwiesen, insbesondere ADHS. Der Zusammenhang zwischen RLS und ADHS ist komplex und bidirektional. Dem gemeinsamen Auftreten von RLS und ADHS könnte eine Synthesestörung des Neurotransmitters Dopamin zugrunde liegen.
Um Dopamin im Gehirn bilden zu können, wird Eisen als Cofaktor benötigt, was darauf schließen lässt, dass die Pathogenese beider Erkrankungen eng mit einem Eisenmangel zusammenhängt. Zumal eine Eisentherapie bei beiden Erkrankungen wirksam sein kann. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass der Ferritinwert als Parameter des Eisenstoffwechsels einen bestimmten Grenzwert unterschreitet.
Körperliche und psychische Folgen von Schlafstörungen.
Schließlich können aber auch organische und psychische Störungen Schlafstörungen zur Folge haben. So können beispielsweise Depressionen zu Ein- und Durchschlafstörungen mit Beeinträchtigung der Tagesaktivität im Sinne der Insomnie führen. Andererseits gehen Insomnien mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung von Depressionen einher.
Die Wechselbeziehungen zwischen Schlafen und Wachsein sowie zwischen verschiedenen Schlafstörungen untereinander und Schlafstörungen und anderen Erkrankungen bedingen die Komplexität der Problematik.
Hinzu kommt, dass länger anhaltende Schlafstörungen auch bei Kindern körperliche Störungen verursachen können. Dazu zählen Bluthochdruck und Herzbelastung als Folgen der obstruktiven Schlafapnoe. Auch Wachstumsstörungen bei Kindern können Folge chronischer Schlafstörungen sein, weil das Wachstumshormon im Schlaf ausgeschüttet wird. Bezüglich der psychischen Störungen sind außer den Depressionen auch Ängste als Folgen von Schlafstörungen zu nennen.

Anstieg obstruktiver Schlafapnoe (OSA) bei Kindern und Jugendlichen.
Nach dem Corona-Lockdown ist die Anzahl der Kinder und Jugendlichen mit obstruktiver Schlafapnoe deutlich angestiegen.
Als Ursache dafür wird genannt, dass sich die Kinder und Jugendlichen zu wenig bewegt haben, stattdessen viel Zeit mit digitalen Medien verbracht und sich ungesund ernährt haben. Die Folge: Gewichtszunahme bis hin zur Adipositas.
Die Adipositas ist ein Risikofaktor, den wir auch bei Erwachsenen mit Schlafapnoe kennen, aber nur ein Faktor, der im Kindes- und Jugendalter eine Rolle spielt.
Die häufigste Ursache für eine obstruktive Schlafapnoe in dem Alter ist die adenotonsilläre Hyperplasie, also die Vergrößerung der Rachen- und Gaumenmandeln. Die Therapie der Wahl ist dann eine HNO-OP.
Die Verengung der oberen Atemwege bei Kindern durch die Mandelvergrößerung führt dazu, dass die Kinder nicht durch die Nase, sondern durch den offenen Mund atmen. Dieses Atmungsverhalten hat zur Folge, dass die Zunge eine mittlere Position einnimmt, statt wie bei geschlossenem Mund oben am Gaumen zu liegen.
Damit fehlt ein wichtiger Wachstumsimpuls für das Gesichtsschädelwachstum, insbesondere den Kiefer und das Mittelgesicht. Beides bleibt zu schmal, der Oberkiefer wächst über den Unterkiefer nach vorne hinaus und schon hat sich ein Risikofaktor für eine OSA im späteren Lebensalter entwickelt, eine Problematik, die durch frühzeitige Diagnostik und Therapie verhindert werden kann.
Zähneknirschen im Zusammenhang mit OSA.
Kommen wir zum Zähneknirschen, Bruxismus genannt, das häufig mit der OSA einhergeht.
Bei den Obstruktionen der oberen Atemwege kommt es zu einer Aktivierung des Musculus genioglossus, durch den die Atemwege erweitert werden. Atmungsreize, die den Musculus genioglossus bei OSA aktivieren, beziehen auch die Massetermuskeln als Kaumuskeln mit ein.
Infolgedessen kommt es zum Zähneknirschen. Es wurde die Hypothese aufgestellt, dass die Aktivierung des Massetermuskels der Stabilisierung des Unterkiefers dient und es dem Musculus genioglossus ermöglicht, die oberen Atemwege effizienter offen zu halten.
Tatsächlich kann durch die OSA-Behandlung auch das Zähneknirschen nachlassen. Wenn man bedenkt, dass unter Jugendlichen in Deutschland etwa jeder Fünfte deutliche klinische Bruxismuszeichen aufweist und bereits bei jedem 20sten der Zahnschmelz bis hin ins Dentin abgerieben ist, könnte zumindest bei den Kindern, bei denen das Zähneknirschen im Zusammenhang mit der OSA steht, sich eine frühzeitige OSA-Behandlung auch positiv auf die Zahngesundheit auswirken.
Bleiben noch die Kinder und Jugendlichen mit Gesichts- und Kieferanomalien von Geburt an als Ursache einer OSA. In diesen Fällen sollten frühzeitig Kieferorthopäden therapeutisch mit einbezogen werden und zwar, je nach individuellem Befund, bereits im Kleinkindesalter.
Dadurch kann erreicht werden, dass sich das Kieferwachstum normalisiert, wodurch das OSA-Risiko im Erwachsenenalter reduziert werden kann. CPAP für Kinder mit OSA? Ja, aber nur selten besteht eine Indikation dafür.
Welche Erkenntnisse lassen sich daraus ableiten?
Schlafstörungen bei Kindern müssen ernst genommen werden, weil sie weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen, bis ins Erwachsenenalter.
Die Bedeutung des Schlafes ist immer im Zusammenhang mit dem Tagesverhalten und mit Tagessymptomen zu beurteilen. Bei Kindern können Symptome wie Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen sowie motorische Hyperaktivität Ausdruck einer Schlafstörung sein.
Unterschiedliche Schlafstörungen können gleichzeitig auftreten und miteinander im Zusammenhang stehen, wie das Beispiel OSA und Bruxismus zeigt.
Psychische Störungen wie Depressionen können einerseits Schlafstörungen zur Folge haben, andererseits aber auch durch Schlafstörungen entstehen.
Neben psychischen Störungen können Schlafstörungen bereits im Kindesalter zu organischen Erkrankungen, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, führen.

Literatur
(1) Solveig Magnusdottir, Elizabeth A. Hill: Prevalence of obstructive sleep apnea (OSA) among preschool aged children in the general population: A systematic review, Sleep Medicine Reviews, Volume 73, 2024, 101871, ISSN 1087-0792, https://doi.org/10.1016/j.smrv.2023.101871.
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